Mich frisst es auf. Ich bin einsam, habe in der großen Welt mein Lachen verloren, und selbst hier im kleinen Kreis bremst mich die eisige Traurigkeit. Ich weiß nicht, warum ich auf einmal etwas fühle. Gefühle sind doch nur ein Zeichen von Schwäche, und ich wollte niemals so tief fallen, dass ich in meinem Herzen verwundbar bin. Gefühlslosigkeit als Schutz gegen den Alltag, gegen die Scheiße, die passiert. All dem ganzen Mist, den man nicht abwenden kann, sich aber trotzdem die Schuld dafür gibt. Und ich habe mir oft die Schuld gegeben, ihr habt mir oft die Schuld gegeben. Hätte ich mich dagegen gewehrt, hätte ich doch nur Schwäche gezeigt.
Und jetzt muss ich Schwäche zeigen. Ich breche zusammen unter der Last, die sich über meinem Kopf angehäuft hat. Soviel kann ein Mensch doch nicht verkraften, und doch, wenn ich nach außen zeigen würde, wie dreckig es mir geht, doch würde ich sicherlich verhöhnt werden. Ihr würdet nicht an das denken, was ich jahrelang auf meinen Schultern getragen hab, was mein Herz aufgeschlitzt hat und dort unvergängliche Narben hinterließ. Ihr würdet nur sehen, wie ich wegen dem Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt, wie ich wegen einem winzigen Tröpfchen erschöpft zu Boden sinken würde. Bewegungsunfähig den Dreck atmend, mit den Augen nach Hilfe suchend, kein Wort fähig auszusprechen. Innerlich bin ich jetzt schon zusammengebrochen, doch wann dringt es an die Außenwelt? Wie lange kann ich meine Schwäche verbergen?
Ich bin doch nur noch eine leere Hülle, in mir drin ist es schwärzer als die Nacht und kälter als gefrorenes Blut. Mein Herz ist nur noch ein kleiner harter Brocken, ungenutzt, geschändet, weggeworfen. Leblos baumelt es in meinem leeren Körper, einst hab ich es mal gebrauchen können … lang ist es her, ich weiß schon nicht mehr, wann. Ich erinnere mich nur noch an ein blasses Abbild deines Gesichts, das früher mein Herz doppelt so schnell und voller Freude schlagen ließ. Warmes Blut floß damals durch meine Adern, ließ mich lachen und wurde mit jeder Sekunde, die ich in deine wunderschönen Augen blickte, noch ein Stückchen wärmer. Nun fließt in mir nur noch eine schwarze zähe Flüssigkeit, die nichts mehr mit Fröhlichkeit zu tun hat. Sie dient nur dem Lebenserhalt, darum vegetiere ich ziellos vor mich hin, weder tot noch lebendig. Einfach ein Körper, der sich mit der Kälte und dem ewigen Winter im Herzen abgefunden hat.
Dabei hast du, die mich damals erhellte und mir Leben in jede Zelle meines Körpers einhauchte, dabei hast du mir doch alles wieder genommen, in dem du den Blick dahin gerichtet hast, was für dich gerade das wichtigste schien, nicht dahin, wo dein Herz dich geführt hat. Es ist nicht aufbauend, dir stundenlang zu zuhören, dir deine Probleme abzunehmen und diese in sich selbst reinzufressen. Ich hab den Schmerz, den du eigentlich verdient hättst, stattdessen auf mich genommen. Ich hab es getan, weil ich nur wollte, dass es dir gut geht. Es hat mich zu einem Wrack gemacht, einem Gerüst aus dünnen Drähten, das ab jetzt wackelig im Wind steht und von niemandem beachtet wird.
Ich weiß nicht, ob du dir es schonmal überlegt hast, aber es tut unendlich stark weh, wenn man sich für dich aufopfert, dir Tipps und Ratschläge gibt, sich Stunde und Stunde um dein psychisches Wohl kümmert, und du dann sagst, du hättest dich verliebt, und zwar in irgendjemand, von dem ich nicht mal gehört hatte. Das ist ein Schlag ins Gesicht, der Absturz von einem Berg, ewig fallend in die Dunkelheit. Ich weiß nicht, ob du auch nur einen Funken des Feuers gesehen hast, das immer in meinen Augen loderte, wenn ich in dein lachendes Gesicht sah. Wie konntest du es übersehen? Wie konntest du alle Zeichen meinerseits ignorieren? Wie kommt es, dass du von einem Unglück in das nächste rennst und nicht merkst, dass ich dich niemals verletzen würde. Dass ich dich tragen würde als wärst du eine Vase mit der letzten roten Rose der Welt. Dass ich dich auf einem Samtkissen in mein Herz legen würde und dir immer Wärme, Zuneigung und Liebe schenken würde? Suchst du absichtlich diejenigen, die dich fallen lassen, die dein Wesen nicht zu schätzen wissen?
Ich versteh es nicht und es reißt ein Loch in mein Herz, in das alle dunklen, kalten Schatten dieser Welt reinfließen um mich noch mehr zu demütigen und zu schwächen. Ein erstickter Aufschrei meiner Seele und ich bin fort von hier. Ich bin im zeitlosen Raum, höre leise Engelsstimmen, die mich in Sicherheit betten wollen, doch nicht an mich rankommen. Ich schmecke nur noch den salzigen Geschmack einer Träne, die mein Gesicht hinterläuft und meinen Mund die Botschaft überreichen will, dass der Kampf verloren ist, dass ich hinterrücks mit dem Messer, dass ich selbst formte, erstochen wurde.
Es war die Schwäche, die Messerklinge war geschmiedet aus Gefühlen.