Wer bin ich? Wer führt diesen Gedankengang aus?
Ich lebe in einer Welt mit knapp 7.000.000.000 verschiedenen Menschen, die alle denken, fühlen und handeln. Und ausgerechnet ich bin, wer ich bin. Ich bin der Geist, der zu wissen glaubt, was ich denke, als einziger sich anmaßen darf, mich zu kennen. Ich kneife mir in die linke Hand, und stelle fest, dass irgendwas in mir mich dazu aufruft, aufzuhören, weil es schmerzt. Warum tu ich mir das an? Vermutlich weil ich sowieso nicht so feste kneifen werde, dass es einen erhöhten Schmerzgrad erreicht. Aber warum überhaupt? Schließlich weiß ich doch, dass es weh tut. Es soll mir beweisen, dass tatsächlich dieses Stück Fleisch ein Teil der Welt ist, in welcher meine Gedanken leben. In welcher ich lebe.
Es gibt die Welt, die alle sehen, über die man sich einig ist, zumindest vorgibt, es zu sein. Aber diese Welt ist eher zweitrangig. Viel interessanter ist doch, was sich in meinem Kopf abspielen soll. Meine Sicht auf die Dinge, die es angeblich in der Welt, die wir teilen, geben soll. Beziehungsweise, besser ausgedrückt: In der Welt, die es angeblich geben soll, denn im Endeffekt, weiß ich nicht, ob es sie gibt. Es existiert seltsamerweise ein enormener Unterschied zwischen mir und allen anderen Menschen, der darin besteht, dass ich der bin, der die anderen sieht.
Ich analysiere meine Umgebung und beachte dabei nicht, dass ich aus der Sicht der anderen auch nur ein zu analysierendes Objekt bin. Für mich sind alle anderen Wesen der Welt nur wie programmierte Computergegner, wobei Gegner recht feindselig klingt. Ich sehe was sie tun, schließe daraus, was sie denken und forme mir ein Abbild ihres sogenannten Charakters. Der Charakter ist das Programm des Menschen, welches bestimmt, wie er auf gewisse Situationen reagiert. In der Urzeit war das alles noch viel einfacher, mit Instinkten und so weiter. Heute entscheiden wir uns, welche Gardine besser zum Teppich passt. Und Menschen sind die unsympathischsten Tiere, die es gibt. Gespräche ohne Inhalt, Diskussionen mit Hintergedanken, kein Tier schadet dem Artgenossen mehr.
Das Gewissen, dass man mit Geld beruhigen kann. Der absurde Gedanke, etwas besonderes zu sein. Der stete Druck, sich selbst zu beweisen. Und das schlimmste an Alledem ist, dass ich mich selbst auch einen Menschen nennen muss. Es gibt nichts, was mir sagen kann, ob ich gut bin, oder böse, schlecht, unnütz. Das Einzige, was mir Urteile gibt, ist dieses Wesen, welches ein Buch, geschrieben von Leuten, die Feuer, Wasser, Erde und Luft für gegensätzliche und gleichwertige Elemente hielten, als Krone der Schöpfung betitelt. Lächerlich. Und in Wahrheit sind wir heute nicht weiter, ein paar tausend Jahre trennen uns von den Menschen damals, das sind kaum 70 Generationen bis zur Geburt eines Zimmermann Sohns namens Jesus, 150 Generationen bis zu den Anfängen der Ägyptischen Hochkultur. Verdammt wenig Zeit für Evolution möchte man meinen, und trotzdem halten wir uns für besser als die Menschen von damals, von danach und von vor 100 Jahren.
Warum? Ein Mensch der sich vor 4000 Jahren in die Hand kniff spürte exakt den gleichen Schmerz. Vielleicht auch die gleichen Gedanken, wenn man gerade keinen Hunger leidete. Warum bin ich nur der Herr meiner eigenen Handlungen, warum sind meine Gedanken beschränkt auf diesen Körper, den ich mein Eigen nenne? Und allein für diesen Gedanken könnte ich mich und die Menschheit hassen, denn dies ist der Gedanke eines Menschen, auch wenn er auf mich interessant wirkt, ich weiß, dass darin selbst der Keim des Mensch sein steckt. Wie von Sporen übersäht ist alles, was wir schaffen, was wir fühlen und denken, verseucht dadurch, dass wir es sind, die diese Dinge tun.
Und es macht mich krank so zu sein, zu existieren als Mensch. Mir fehlt die höhere Instanz, die mich befreit und den Atem meiner Gedanken neue Luft gewährt. Damit meine ich keinen Gott, den sich die Menschen ausdenken, ein Gott ist viel zu real. Ich suche das, was die Evolution nicht erschaffen, beeinflusst oder gestört hat, sondern das, was nie Teil dieser Welt war, das Ultimative, neben dem Intelligenz wirkt wie ein Instinkt. Und ich werde es nicht finden, weil es diese Instanz nicht gibt.
